
- Imre Kertész - Roman eines Schicksallosen - amazon
Ungarn 1944. Mit außerordentlicher Naivität sieht der 15jährige Budapester Jude György die Welt. Die Besatzung der Deutschen ist Tatsache, man muss den Stern tragen, ansonsten macht er sich nicht viele Gedanken. Bis der Vater deportiert wird, Freunde und Verwandte verabschieden den Geschäftsmann, man versucht die Dinge in aller Eile zu regeln. Man weiß was geschieht, will es nicht wahrhaben, leugnet es, kann es nicht glauben. Und schließlich, die Deutschen sind doch ein zivilisiertes Volk, Dichter eigentlich, Denker, doch keine Barbaren.
Außerdem, Jude zu sein, was bedeutet das schon? Es bedeutet, selbst deportiert zu werden. Auschwitz, dann Buchenwald, später Zeitz, ein Außenlager von Buchenwald. Und in kleinen Schritten beschreibt ein großer Autor wie die Unschuld, die Naivität und Arglosigkeit von einem jungen Menschen abfällt, wie er die Augen öffnet, wie er sieht was hier mit Menschen geschieht.
Überleben und berichten: Imre Kertész als Überlebender
Imre Kertész hat überlebt. Und er hat ein Buch geschrieben. Vom Überleben. Ein Buch der kleinen Schritte. Denn, so sagt er, jeder Mensch kann nur einen Schritt nach dem anderen tun; und wenn man wüsste, welche Wege einem noch bevorstehen, so hätte man nicht die Kraft, diesen Weg der Grausamkeit zu gehen. “Nicht für die Schule, fürs Leben lernen wir“, sagt sich der junge Mensch und meint, dann hätte er alleine fürs Konzentrationslager lernen müssen. Fürs Überleben, fürs Ertragen, fürs Hinnehmen.
Roman eines Schicksallosen
"Roman eines Schicksallosen" ist große Literatur, nicht alles wird ausgesprochen, vielleicht ist es dem Autor nicht möglich alles zu sagen, denn wie kann ein zivilisiertes Volk wie die Deutschen sich all dies ausdenken, die Selektionen, das Gas, den Versuch, dem Menschen jede Würde zu nehmen, dies alles noch zu rechtfertigen.
Am Ende hat György überlebt, kommt heim, soll erzählen, soll Stellung beziehen, soll die Täter verfluchen und verwünschen, soll von den Grausamkeiten berichten und kann nur von der Hoffnung sprechen, die dem Menschen auch in einer Ausnahmesituation nicht zu nehmen ist. Schritt für Schritt, einfach nicht aufhören zu gehen, zu glauben und zu hoffen.
Vergleich mit Robert Merles Der Tod ist mein Beruf
Vielleicht sollte man Imre Kertész “Roman eines Schicksallosen“ und “Der Tod ist mein Beruf“ von Robert Merle gegenüberstellen. Hier das Buch der Hoffnung und der Liebe, da ein vernichtendes Zeugnis von Wissen, Gehorsam und Grausamkeit. Beide gehören gelesen, bei beiden wird man, obschon man glaubt alles zu wissen fassungslos zurück bleiben.
Imre Kertész
Imre Kertesz wurde 1929 in Budapest geboren, 1944 nach Auschwitz deportiert und 1945 in Buchenwald befreit. Nachdem sein autobiographisches Werk “Roman eines Schicksallosen“ lange von vielen Verlagen in Ungarn abgelehnt wird, schafft er nach Öffnung des Ostens den literarischen Durchbruch und erhält 2002 den Nobelpreis für Literatur.
Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen. Rowohlt 2005. Taschenbuch, 286 Seiten. Euro 8,95.
